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Virtueller Honig von Klaus Bartels (essay on Van Gogh TV - German version)

February 28th, 2008 · No Comments

Virtueller Honig von Klaus Bartels

In Form einer offiziellen Sonderveranstaltung präsentiert sich das Medienkunstprojekt ,,Piazza virtuale” auf der Documenta IX in Kassel. Der Literaturwissenschaftler und Medientheoretiker Professor Klaus Bartels besuchte die Künstler in ihrem Hamburger Studio und brachte für PAGE seine Gedanken über Medienkunst und das Thema Cyberspace zu Papier.

In der sogenannten schlechten Zeit nach Ende des Zweiten Weltkriegs konnte man eine gelbbraune Paste kaufen, die nicht ganz fest, sondern grobkörnig schmelzend und sehr suesz war. Sie hatte hinsichtlich einiger Eigenschaften durchaus Ähnlichkeit mit einem Naturprodukt, dem Honig, hinsichtlich anderer aber überhaupt nicht. Wegen der abweichenden, nur ihr eigentümlichen Eigenschaften habe ich die Paste zu schätzen gelernt bis heute mag ich keinen wirklichen Honig.

Der Kunsthonig der Nachkriegszeit war meine erste Begegnung mit virtueller Realität. Ich vermute seither, daß Kunstwelten wie Kunsthonig sein sollten: In einigen Punkten müssten sie mit der Wirklichkeit übereinstimmen, in vielen anderen nicht. Softwaredesigner indes halten sich    nicht an diese Regel. Ihr Ziel ist die Totalillusion, die vollständige Ersetzung des Realen durch imaginäre Surrogate.
Der virtuelle Honig fiel mir ein, als ich zur Vorbereitung eines Gesprächs mit den Initiatoren des offiziellen Sonderprojekts Piazza virtuale’ für die Kasseler Documenta IX (13, Juni bis 20, September1992) ein Promotionvideo abspielte.”Jetzt siehst du eine italienische Piazza”, dachte ich, “die du von einer wirklichen nicht wirst unterscheiden können.”

Aber ich sah keine Piazza, nur eine Blue Box, in der jemand herum hampelte, und einen einsam umherirrenden Datenhandschuh. Die Gruppe Van Gogh TV von Ponton European Media Art Lab, Autorin des Videos, machte sich offensichtlich lustig über ihre Designkollegen. Virtuelle Realität tauchte lediglich auf als ironisches Zitat einer Cyberspace-Ikone. Diese antiillusionistische Haltung entsprach vollkommen meiner Honig-Regel.

Van Gogh TV enttarnte im Gespräch denn auch Cyberspace als großen postmodernen Illusionsschwindel. Datenhandschuh, -brille und -anzug sind nach Meinung der Gruppe
genauso spektakuläre wie überflüssige Weiterentwicklungen von Maus und Tastatur: Schon die Benutzeroberfläche des Apple Macintosh, der virtuelle Schreibtisch mit Papierkorb, Schere und Radiergummi - dem wirklichen Arbeitsplatz nachempfunden -
repräsentiere virtuelle Realität. Auch das Fernsehbild erklären sie zu virtueller Realität, da es von der Wirklichkeit abstrahiere und ,,Telepräsenz” herstelle. Im übrigen bevorzugen sie die Verwendung des Begriffs Telepräsenz gegenüber Cyberspace und virtueller Realität.

Telepräsenz. Nachdem die Medien - von Avantgarde bis Zeitgeist - Cyberspace binnen der letzten beiden Jahre abgefeiert haben und der thrill des Neuen nunmehr verflogen ist, macht sich also auch bei Van Gogh TV Bescheidenheit breit. Die Gruppe zählt zu denen, die sich um eine seriösere Terminologie bemühen. Die Stichworte zur Debatte geben nicht länger mehr Romanautoren wie William Gibson, dessen ‘,Neuromancer-Trilogie” den Cyberspace-Mythos formulierte, oder Althippies und Drogenpäpste wie Timothy Leary, sondern Wissenschaftler wie Marvin Minsky, Pionier der Künstlichen Intelligenz (KI).

Nun klingt, gerade bei Minsky, Telepräsenz allerdings ein klein wenig nach Telepathie, nach Spiritismus. In Zukunft, so lautet die Prognose von Marvin Minsky, wird es sein “wie Parapsychologie”. Die Menschen kontrollieren die Computer allein durch ihre Gedanken, “ganz ohne Hände, Bleistifte, Tastaturen, Mäuse, Datenhandschuhe, Ganzkörperanzüge oder all die wunderbaren Dinge aus der Welt der Telepräsenz”.

Statt dessen tragen sie eine kleine Nervensteckdose an ihren Körpern, die jederzeit neuroelektrische Bewegungsübertragungen auf eine beliebige Stellvertreterkonfiguration, also Telepräsenz erlaubt. Oder - das wäre der Gipfel der technischen Entwicklung - es gelänge ihnen, durch einfaches Einstöpseln einer Datenleitung in die neuronale Schnittstelle sich in ihren Computer zu laden (to down load a human being into a computer) und dort, als Datenstruktur nicht länger dem körperlichen Verfall unterworfen, eine Ewigkeit zu leben. Die Beseitigung des Todes und der Himmel auf Erden sind erklärter Endzweck der KI-Forschung und der Telepräsenz.

Interaktives Fernsehen. Van Gogh TV backt kleine Brötchen. Die Gruppe will lediglich das Fernsehen verändern. Telepräsenz versteht sich als Präsenz im Fernsehen. Besucher der Kasseler Documenta können sich durch Blue Boxes, die über die Stadt verteilt sind, in eine während der Ausstellung permanent live ausgestrahlte Sendung mit dem Titel ‘,Piazza virtuale” schneiden lassen. Der reale Ort der Piazza ist also der Fernsehmonitor.

Da viele Menschen wenigstens einmal in ihrem Leben ins Fernsehen kommen möchten und der Zustrom grenzenlos sein könnte, wird die Anzahl derjenigen, die Zugang zu den Boxen erhalten, beschränkt. Eine weitere Grenze betrifft den Inhalt: Man darf man nicht alles zeigen, dafür sorgen zwei Zensoren am Mischpult des Kasseler Studios. Zensur und Unterdrückung - in diesem Fall der Signale - schafft eben die Voraussetzung für große Kunstwerke, davon ging schon Freud aus. Der Aufenthalt als Ganzkörperbild auf der Piazza wird die Ausnahme sein. Die meisten Teilnehmer werden sich über die Autobahn der Teleportation, das Telefonnetz, auf der Piazza manifestieren. Die Voraussetzungen dafür: Ihr Telefon verfügt über eine Tastatur und über das Mehrfrequenz Wahlverfahren (oder über einen Pieper nach Art des Anrufbeantworters). Die Tastatur dient als Schreibmaschine für ein frei wucherndes Hypertext- Biotop, außerdem als Keyboard eines interaktiven Orchesters, als Kontrollstation von Videospielen und Malprogrammen.

Zugänge zur Piazza sind darüber hinaus möglich über Telefax, Computer mit Modem oder Bildtelefon. Auf dem Bildschirm lassen sich gleichzeitig vier verschiedene Einspielungen nebeneinanderstellen. Das in unterschiedliche Themen, Funktionen und Bildwelten gegliederte Programm wird vierundzwanzig Stunden live ausgestrahlt und teilweise bundesweit vom Kabelfernsehen übernommen. Übertragungen nach Europa, Japan und in die Vereinigten Staaten sind geplant, ebenso interaktive Verbindungen nach Lettland, Estland, Russland und Slowenien. In Mailand, Riga, Köln, Berlin, Prag, Paris und in anderen europäischen Städten wird es Außenstellen-,Piazzettas” geben, die den Einstiegs-Punkt Kassel ergänzen.

Das Ziel der Datenreisenden ist eine virtuelle Medienöffentlichkeit auf einem imaginären Marktplatz, wo es zugeht wie im Urlaub: Die Menschen verbringen ihre Zeit mit Kaffeetrinken, Plaudern, Lesen, Selbstdarstellung, ohne den Sessel und die Chips verlassen zu müssen. Dialogisches Fernsehen statt des stummen monologischen Glotzens.

Welch einen Fortschritt stellt die Van-Gogh-TV-Installation gegenüber der TV-Steinzeit dar, als die Zuschauer    des Familienratespiels ,,Wünsch Dir Was” Fragen von Vivi Bach und Dietmar Schönherr noch mit Schwällen von Wasser und Strom beantworteten, ehe TED (Teledialog) die Ja! Nein-Stimmen per Telefon energiesparend auszählte. Noch umweltschonender ist Van Gogh TVs virtuelles Orchester. Anstatt im Flugzeug oder Eisenbahnabteilen reisen Hobbymusiker wie früher mit der Post nach Kassel und geben per Telefontastatur auf der Piazza virtuale gemeinsam ein Konzert.

Warum aber ist bis heute noch kein Fernsehdirektor auf die Idee gekommen, das interaktive Fernsehen einzurichten? Weil Fernsehen ein Massenmedium ist und die von Van Gogh TV weltweit geschalteten zwanzig Telefonleitungen nicht unbedingt eine Massennachfrage befriedigen können. Die Piazza ist auch aus technischen Gründen nur virtuell einem Recht. Dadurch entsteht der folgende Zwiespalt: Ein Massenmedium soll einer Minderheit, einem Kunstpublikum, schmackhaft gemacht werden, und das auf eine Art und Weise, die das Massenpublikum, die hauptsächlichen Nutzer dieses Mediums, abschreckt.

Die Komplexität des Zugangs zur Piazza virtuale löst Bedienungsängste aus. Mit einem Telefon und einem Fernseher können zweifellos über neunzig Prozent der deutschen Bevölkerung umgehen. Die Schwierigkeiten entstehen bei der Koordinierung der beiden Systeme, was den Reiz der game shows (,Der Goldene Schuss”) ausmacht. Im Umgang mit einer noch weniger vertrauten Medienumwelt wie dem Computer nimmt die Kompetenz der Zuschauer exponentiell ab. Auch die von Van Gogh TV in Aussicht gestellte benutzerfreundliche interaktive Fernsehoberfläche wird dieses Problem so leicht nicht lösen können. Außerdem sind derartige Oberflächenkünste nicht der Hauptzweck der Piazza.

Van Gogh TV hat sich Vorgenomen die neuen Technologien nicht den etablierten Mächten, der Unterhaltungsindustrie und dem Militär, zu überlassen, sondern eine künstlerische Alternative zu entwickeln. Das ist eine lobenswerte, etwas blauäugige Absicht. Interaktives Fernsehen steht auf der Wunschliste der beiden Großunternehmen IBM und Sony ganz oben. Und das Pentagon investiert beträchtliche Summen in Forschungsprojekte, die sich mit digital fusion, also dem Zusammenwachsen der Computer- und Medientechnik, befassen.

Digital fusion bezeichnet nicht allein die Konvergenz von Fernsehen und Computer, sondern auch die Verschmelzung dieser Medien mit dem Verlagswesen, der Film- und Druckindustrie. Voraussetzung für diese Verschmelzung ist eine neue Fernsehnorm, High Definition Television (HDTV) oder Hi-Vision. Die HOW-Technik wird die Fernsehlandschaft revolutionieren und aus einem Massenmedium wahrscheinlich eine ganz persönliche Angelegenheit machen. Interaktivität erhält-hier einen ganz anderen Sinn als bei Van Gogh TV. Intelligentes Fernsehen oder Null Medium. Die Verschmelzung mit dem PC macht aus HDTV-Fernsehen ein “intelligentes” Medium. Die Möglichkeiten des PC-Mediums, die Interaktivität, die Eingabe auf multiplen Kanälen durch Augenbewegungen, Mimik, Gestik und Sprache werden zu Eigenschaften des intelligenten Fernsehens. Der PC figuriert gewissermaßen als Schleusenwärter der Informationsflut. Vertraut gemacht mit dem Persönlichkeitsprofil, mit den Gewohnheiten und Vorlieben seiner Nutzer, orientiert an deren Gestik, Mimik und Blicken, sucht er die gewünschte Sendung heraus, speichert die Artikel aus der elektronischen Zeitung, beantwortet Anrufe, erinnert an Termine und schreibt gleichzeitig Briefe.

Das Zusammentreffen der Medien macht aus dem Fernsehen persönliches Fernsehen, aus der Tageszeitung die persönliche Zeitung und aus dem Desktop einen Gesprächspartner. Sie schließt die Phase des monologischen, uniformen und unintelligenten Fernsehens ab. Öffentliche Medien werden zu intimen, buchstäblich privaten Medien.

Van Gogh TVs interaktives Fernsehen hingegen orientiert sich an der alten Fernsehnorm, auch in übertragenem Sinne. Die Emphase, in Konkurrenz zur Kultur- und Militärindustrie ein Massenmedium vernünftig machen zu wollen, entspricht jener Begeisterung Hans Magnus Enzensbergers Anfang der siebziger Jahre, als er seinen “Baukasten zu einer Theorie der Medien” veröffentlichte, um ganz zeitgemäß - unter Berufung auf Walter Benjamin und Bertholt Brecht - die Kommunikationskanäle emanzipatorisch zu nutzen. Inzwischen hat Hans Magnus Enzensberger mehrfach seinem einstigen Glauben an die Veränderbarkeit der Massenmedien öffentlich abgeschworen und das Fernsehen, enttäuscht durch unerwiderte und übertriebene Liebe, ebenso übertrieben als “Null-Medium” kritisiert. In seiner Kritik verschwindet das Programm im Fernsehen, so daß es nur noch auf das Senden ankommt.

Wer den Knopf drückt, muß davon ausgehen können    das etwas läuft und nicht vielmehr nichts. Digitale Innovationen beschränken sich auf die Oberflächenreize, auf neue Senderlogos, extravagante Bildschnitte und raffinierte Rahmentechniken: Pausenlos schalten die Sender irgendwelche Menschen aus irgendwelchen Ländern hinzu, bei Gottschalk versuchsweise auch aus dem Vatikan, um faktennahe Präsenz zu simulieren.

Verglichen mit dem Status quo, bedeutet die Einbindung digitaler Medien nach Art der Piazza virtuale schon einen Schritt über die Normalität des Fernsehalltags hinaus. Andererseits -der Traum jedes Programmdirektors - sorgt diese Technologie dafür, daß die Kiste nie mehr ausgeht: Van Gogh TV sendet vierundzwanzig Stunden live ein Endlosprogramm mit der Unterstützung des Publikums, das auch noch die Unterhaltungssoftware, nämlich das Programm, kostenlos liefert.

Und welche Inhalte sollen gesendet werden? Alles, worüber sich das heimliche Auge freut. Einen Beichtstuhl schlagen die Macher vor: “Auf eine schwarze Oberfläche flüstert der Zuschauer seine Sünden direkt über den Sender.” Eine Kontaktbörse, ein Tagebuch, “intime Bekenntnisse, anonym mit der Mailbox verschickt” - also all jene Ferkeleien, die das Minitel-System in Frankreich so erfolgreich gemacht haben. Kunst und Telepräsenz. Inhaltlich setzt Ponton also keine neuen Akzente, aber interessante formale Ereignisse sind zu erwarten. Die Einspielung von Schrift, Grafik, Bild, Video, Computeranimationen, Ton und Musik auf ein Sendebild geht über das gewohnte Zusammenspiel von Ton, Bild und (Video-)Text im Fernsehen hinaus. Die Möglichkeit der Manipulation dieser Elemente mit dem Computer sowohl vom Sender als auch vom Zuschauer her verspricht spannende semiotische Abenteuer. Vielleicht entwickelt sich im Verlauf der Piazza virtuale eine spezifische Sprache zwischen Menschen und Maschinen. Oder es entsteht der Prototyp eines multimedialen Interfaces.

Für einige wäre das schon Kunst. In den USA erschien 1990 das Buch, “The Art of Human-Computer Interface Design”, in dem namhafte Autorinnen und Autoren künstlerische Aspekte der Mensch-Computer-Kommunikation erörterten. Die Herausgeberin Brenda Laurel ließ 1991 ihre Publikation “Computers as Theatre” folgen. Es behandelt die dramatischen Strukturen des Interfaces. Der ästhetische Bezugspunkt ist das Guckkastentheater.

Laurel beruft sich auf das antike Theater, die Aristotelische Poetik und das Theater des 19. Jahrhunderts, vor allem Gustav Freytags “Die Technik des Dramas”. Das moderne Theater ist nach ihrer Meinung für Interfaces nicht geeignet. Sie erwähnt ausdrücklich das negative Beispiel Bertholt Brechts, dessen episches Theater das genaue Gegenteil ihres niedlichen Guckkasten -Interface -Theaters darstellt. Laurels Position avantgardistisch zu nennen wäre ungerecht; sie passt vielmehr sehr genau zur Holzschnitt-Dramaturgie der wiederholt als ästhetisch vorbildlich gelobten Computerspiele.

Nun will Van Gogh TV keinesfalls der Oliver Hardy von Brenda Laurel sein. Die Piazza virtuale ist kein elektronisches Kasperletheater. Aber sie bewegen sich in einer Szene, deren ästhetische Kompetenz dem Geniekult des 19. Jahrhunderts zu neuer Blüte verhilft. Sie haben es schwer, ihre interaktive Kunst von dieser Ästhetik abzusetzen, und sind vor Missverständnissen nicht geschützt: Auf der Interface-Ausstellung, die vergangenes Jahr im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe stattfand, vergab die Jury den ersten Preis für Computerkunst an ein Malprogramm, weil sich die automatisch generierten Gemälde von handgemachten nicht unterscheiden ließen.

Virtuelle Malgenies werden in Zukunft die Preise nur so abräumen, wenn es nach Hans Moravec ginge, einem Parteigänger Marvin Minskys. Moravec hätte vermutlich nichts dagegen, einen virtuellen van Gogh zu erzeugen und unendliche Mengen “van Goghs” malen zu lassen, denn Telepräsenz bedeutet für ihn auch die Wiedererweckung verstorbener Superintelligenzen durch Einspeisung ihres vollständigen Persönlichkeitsprofils in den Rechner. Nach Brenda Laurel ist alle Kunst telepräsent. Ob in den griechischen Dramen oder in den Konzerten von Grateful Dead: das Kunsterlebnis vermittelt immer eine über das empirische Einzel-Ich der Künstler hinausgehende Aura, etwas Geniales und Spirituelles, das von oben kommt. Das Kunsterlebnis ist “the experience of being in the living presence’ of not only the artist but also huge spiritual forces’ Telepräsenz in höchster Vollendung setze deshalb die Wiedereroberung heiliger Räume (,,sacred spaces”) voraus.

Neoromantik. Die Melange aus Spiritismus, Computertechnologie, Kunst und Elektrizität fällt in Deutschland auf fruchtbaren Boden. Zunehmend ziehen Ekstatiker elektrischer Unsterblichkeit durch die Lande, unter ihnen der Elektronikkünstler Peter Weibel. Van Gogh TV beruft sich auf 200 Jahre Elektrizität, um die Art ihres künstlerischen Schaffens zu erklären. Sie haben nichts dagegen, ,,Elektrizitätsbildner” genannt zu werden. Nicht zufällig taufte William Gibson seine Cyberspace-Trilogie in Anspielung auf die Epoche der Romantik doppeldeutig “Neuromancer”. Neoromantisch ist die Apotheose der Elektrizität in der Kunstszene. Sie erinnert sehr an Heinrich Jung-Stillings bei den Romantikern hoch angesehene “Theorie der Geisterkunde” von 1808, die eine Theorie der Telepräsenz, der Elektrizität und der unsterblichen Seele versucht.

Jung-Stilling war, wie Dudesek, ein Verehrer der Elektrizität. Aus ihr sei ein Wesen geformt, das als inwendiges Menschlein den Menschen bewohne und für die Telepräsenz zuständig sei. Jung-Stilling läßt es durch Zeit und Raum eilen (Teleportation) und vor allem fernhören und fernlesen. Das seltsame Phänomen, daß eine Somnambule einen Text habe entziffern können, den das letzte Glied einer Menschenkette in einiger Entfernung bei sich trug, erklärt er durch Übertragung elektrischer Impulse von Glied zu Glied. Telelektüre gelänge, wenn der Stromkreis geschlossen werde, wenn das erste Glied der Kette seine Hand auf die Herzgrube des Mediums lege, den Sitz des inwendigen Wesens. Dieses schrieb Jung-Stilling in seiner ein Jahr vor der Erfindung des Telegraphen erschienenen Geistertheorie, die in Wirklichkeit eine Theorie der Telegraphie ist.

Jung-Stillings Theorie gehört zur “Theologie der Elektrizität”, so der Geisteswissenschaftler Ernst Benz im Jahre 1971 Sie entstand im Anschluss an die Entdeckung der Elektrizität Mitte des 18. Jahrhunderts und reicht bis in die Gegenwart, bis zum Computer-Spiritismus unserer Tage. Wie bei Jung-Stilling die Elektrizität und ein tiefer Glaube an die Unsterblichkeit der Seele zu einem spiritistischen Grundbuch zusammenschossen, das die Geistererscheinungen auf eine wissenschaftliche Basis stellte, so bündeln Theoretiker der Telepräsenz wie Marvin Minsky, Hans Moravec oder Brenda Laurel an der Schwelle zum 21 Jahrhundert Mikrobiologie, Neurophysiologie und Computertechnologie zu einer wissenschaftlichen Heilslehre der Telepräsenz. Wer sich auf die 200 Jahre Elektrizität beruft oder von postbiologischer Unsterblichkeit schwärmt, der hat diese theologische Tradition mitzubedenken.

Copyright. Nicht nur ästhetisch und theologisch, sondern auch juristisch wirft das 19. Jahrhundert für die Künstler der Piazza virtuale Probleme auf. Wer hat das Recht an den 600 Videobändern a 240 Minuten, die bei einer Sendedauer von 2400 Stunden entstehen? Die beiden Zensoren im Kasseler Studio der Inhaber der Studios oder aber die Zuschauer, die ihre Produkte auf der Piazza virtuale anbieten? Machen sich die Zuschauer eventuell strafbar, wenn sie fremde Beiträge kopieren?

Oder gehört ihnen ein Beitrag, dem sie nur eine Kleinigkeit hinzufügen? Fragen über Fragen, die frühestens Ende 1992 durch die Mitgliedstaaten der Europäischen Gemeinschaft beantwortet sein werden.

Bis dahin gilt die Berner Convention von 1886. Sie schützt die intellektuellen Rechte des Autors an seinem Werk vor unberechtigter Vervielfältigung. Die ständige Vermehrung der technischen Reproduktions- und Distributionsmedien hat zu immer differenzierteren Vereinbarungen und nationalen Sonderregeln geführt. Unbestritten blieb - egal ob der Autor nun Schriftsteller, Komponist oder Filmregisseur war - das Eigentum an seinem Werk. Und dieses Werk hatte stets materielle Qualitäten, die bei der Lektüre, beim Hören oder bei der Kinovorführung sinnlich erfahrbar waren. Die immaterielle Struktur eines Computerprogramms ist sinnlich nicht mehr wahrnehmbar und aus diesem Grund nicht mehrjustiziabel, ebenso wenig die schöpferischen Qualitäten von Softwares oder gar deren Originalität, denn auch der Kopist eines Programms generiert lediglich das Original.

Das neue Copyright-Gesetz wird das Selbstbild der Künstler und den Werkbegriff verändern. Im Vorgriff auf zukünftige Entwicklungen produziert der Verpackungskünstler Christo schon eine Weile ,,im materialisierend”: Er inszeniert Städte und Landschaften für das Fernsehen und die MAZ. Erhalten bleiben die Inszenierungen auf Band - als Kunstwerk. Tatsächlich verschwinden sieg sie werden abgebaut, oder sie zerfallen. Im Unterschied zu Christo ist bei Van Gogh TV die Inszenierung bereits Fernsehen. Hier bedarf es keiner abfilmbaren realen Realität mehr, hier genügt die virtuelle.

Alternativen. Nach Auffassung von Mark Weiser, Leiter des Informatik-Labors am Palo-Alto-Forschungszentrum der Firma Xerox, wo die Oberfläche des Apple Macintosh erfunden wurde, ist der größte Bärendienst, der dem Personal Computer jemals erwiesen wurde, die Erfindung der virtuellen Realität gewesen, denn durch diese Technik sei die Aufmerksamkeit gebieterisch auf den Bildschirm des PCs gezogen worden. Die Zukunft der Informationstechnik bestehe jedoch gerade im Verschwinden des PCs.

Wie im Verlauf der ersten industriellen Revolution die gigantischen Dampfturbinen und Elektromotoren durch Miniaturisierung unsichtbar geworden seien, so müsse der Computer während der zweiten industriellen Revolution zum Bestandteil verkörperter Virtualität, einer allgegenwärtigen, aber unauffälligen Datenverarbeitung werden. Denn nur “wenn Dinge in dieser Weise verschwinden, gewinnen wir die Freiheit, sie ohne Nachdenken zu gebrauchen und uns durch sie auf neue Ziele zu konzentrieren”.

Für die Piazza virtuale ergeben sich aus Weisers Überlegungen zwei Alternativen: Entweder ist sie schon das Ziel und demonstriert auf der Bildschirmoberfläche all die wundersamen Fähigkeiten des PCs. Oder sie versteht sich als Etappe auf dem Weg, den PC zum Verschwinden zu bringen und neue Ziele ins Auge zu fassen. Ein Drittes gibt es nicht.

Bücherkiste

• Spektrum der Wissenschaft
11/91: Datennetze. Darin:
Mark Weiser: Computer im nächsten Jahrhundert, Seite 92 If.

• Erstes European Softwarefestival. Eine Publikation von
“Chip Spezial” in Zusammenarbeit mit Borland GmbH, 1991.
Darin: Marvin Minsky: Die Geistesmaschine, Seite 12 If.

• Hans Moravec: Mind children.
Der Wettlauf zwischen menschlicher und künstlicher Intelligenz.
Hamburg (Hoffmann und Campe)
1990

• Edith Becker und Peter Weibel:
Vom Verschwinden der Ferne.
Telekommunikation und Kunst. Köln (DuMont Buchverlag) 1990

• Brenda Laurel:
Computers as Theatre.
New York (Addison-Wesley) 1991

• Brenda Laurel:
The Art of Human
Computer Interface Design.
New York (Addison-Wesley)
1990

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